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HejHej, Wir & die Werkstätten

Gerade jetzt, während das Virus tobt und bei jedem von uns der Alltag Kopf steht, ist es schön zu sehen, wer sich zusammen findet. Wir wollen die Zeit nutzen um Euch auch andere kleine Unternehmen näher zu bringen und uns mit diesen über Gründung, Werte und Visionen auszutauschen.

Seit Beginn an war es unsere Vision mit den Mainfränkischen Werkstätten zusammen zu arbeiten. Wir freuen uns, dass wir seit März 2020 auch die Produktion in die Werkstätten verlegen konnten. Marianne ist nun immer wieder dort, um ihr Wissen an Jessica und die Mitarbeiter der Werkstätten weiterzugeben.

Bundesweit arbeiten in Werkstätten eine Vielzahl von Menschen die in unserer Gesellschaft nicht gesehen werden. Behindertenwerkstätten haben den gesetzlichen Auftrag, Menschen mit Behinderung durch Arbeit an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Die Zahl von Werkstätten wird immer höher, was daran liegt, dass die Auffassung, wer dort arbeiten kann, immer weiter gefasst wird. Mittlerweile gibt es rund 700 Sozialbetriebe bundesweit. 

Hinter vielen Organisationen und Werkstätten stehen meistens engagierte Eltern, die sich in den 50er Jahren für ihre eigenen Kinder stark gemacht und ehrenamtliche Elterninitiativen gegründet haben. Viele von Euch kennen sicher die politisch einflussreichste aller Werkstätten, die Lebenshilfe. 

In Deutschland werden immer weniger Menschen mit Behinderung geboren. Das liegt an der modernen Diagnostik und führt dazu, dass Ungeborene mit Anomalien häufiger abgetrieben werden. Menschen mit körperlicher Behinderung die früher aus unserem optimierten und leistungsorientierten System ausgeschlossen wurden, haben heutzutage bessere Chancen und Möglichkeiten, eine reguläre Arbeit zu finden.

Die Werkstätten sind mittlerweile in der Wirtschaft zu einer festen Größe geworden. Einen Anspruch auf einen Platz haben erwachsene Menschen, die wegen der Art oder Schwere ihrer Behinderung keine betriebliche Berufsausbildung und keine übliche Erwerbsarbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen. Es sind hauptsächlich Menschen mit geistigen Behinderungen, denen die Wirtschaft keine Angebote macht. Es braucht ein wenig Zeit bis man das System versteht, was ebenso irritierend ist. 

In Werkstätten gibt es viele Menschen mit geistiger Behinderung, aber in der Öffentlichkeit sind die Menschen kaum zu sehen. Es gibt Menschen, die nicht bis fünf zählen können, aber dabei helfen, eine genaue Anzahl an Teilen vorzubereiten. Denn in Werkstätten werden Hilfsmittel genutzt um Menschen wie z. B. auch Marina eine Unterstützung an die Hand zu geben. Hier wird umgedacht und auf Bedürfnisse der Mitarbeiter geachtet. Werkstätten müssen genauso pünktlich und zufriedenstellend arbeiten wie jedes andere Unternehmen auch. Sie müssen wirtschaftlich denken und arbeiten um zu wachsen. Auf der einen Seite sind Werkstätten auf eine lebenslange Rehabilitation ihrer Mitarbeiter ausgerichtet, auf der anderen Seite müssen sie wirtschaftlich agieren. Ein Spagat der nicht leicht ist. Rehabilitation vermischt sich mit Wachstum und Wirtschaft. Widersprüchlich. Werkstätten können ihre Leistung preiswerter anbieten, weil die Beschäftigten keinen Tarif- oder Mindestlohn erhalten. 

Das monatliche Entgelt der Mitarbeiter ist leider kaum erwähnenswert. Was viele allerdings nicht wissen, dass Werkstattbeschäftigte darüber hinaus Ansprüche erhalten, denen ein fiktiver höherer Verdienst zugrunde liegt. In Rente können Werkstattangehörige bereits nach 20 Jahren gehen. Viele Mitarbeiter haben bereits mit 40 Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente von mind. 800 Euro und mehr. Vielleicht versteht ihr nun den Zwiespalt, der immer noch besteht. Würde Marina beispielsweise in der freien Wirtschaft arbeiten, müsste sie, um eine vergleichbare Rente zu erhalten 45 Jahre in Vollzeit arbeiten, was für sie nicht möglich wäre. Der CDU-Bundestagsabgeordenete Hubert Hüppe kritisiert dieses vorgehen seit Jahren. „So werden behinderte Menschen, die eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt hätten, davon abgehalten, sie auch zu ergreifen.“ 

Es gibt soviel mehr zu erzählen, eins steht jedenfalls fest: sich selbst eine klare Meinung für oder gegen Werkstätten zu bilden fällt unglaublich schwer, vor allem, wenn man in der Familie selbst mit diesem System konfrontiert ist. Es ist erst einmal leicht die Meinung zu teilen, dass Menschen mit einer Behinderung in den Werkstätten „weggesperrt“ werden. Das habe ich, Sabine, damals als Schwester auch getan. Ich habe die Arbeit der Werkstätten leichtfertig verurteilt ohne viele Hintergründe zu kennen. Meine Schwester in einer Behindertenwerkstatt, dass geht nicht, die kann doch viel mehr! Erst Jahre später mit Abstand und Einsicht hat sich etwas in meinem Denken verändert.

Eine Zusammenarbeit mit Werkstätten löst bei einigen Menschen sicher auch erst einmal Vorurteile aus, bei anderen wiederum Zuspruch, Neugierde und Zustimmung. Wir haben uns gefragt, warum das so ist. Vermutlich sind es die unterschiedlichen Prägungen und Sichtweisen von uns Menschen auf die Welt. Fehlt uns die Erfahrung oder der Einblick, bilden wir uns erst einmal ein Urteil, dass in einer unserer Schubladen verschwindet. Das ist der Grund, warum wir Euch mit hinein nehmen in die Frage ob es gut ist, als kleines Unternehmen, mit Werkstätten zu arbeiten. Denn was bringt es zu verurteilen, wenn man selber nichts verändert? Es gibt durchaus Punkte die wir in und an Werkstätten kritisieren, aber wie in der Gesellschaft gibt es auch hier einzelne Menschen die unglaublich tolle Arbeit leisten, einzelne Mitarbeiter fördern, ihnen eine Art Familienzugehörigkeit und Wertschätzung entgegen bringen. 

Mit MARI&ANNE wollen wir neben unseren Produkten zusätzlich Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit leisten, die auf unserer persönlichen Sicht beruht, aber auch hier gibt es Grenzen an die wir stoßen. Denn es gibt viele Bestimmungen und Vorsichtsmaßnahmen, um einzelne Mitarbeiter zu schützen. Alles läuft etwas langsamer. Wer uns schon länger folgt weiß, dass wir z. B. immer noch nicht alle Mitarbeiter zeigen können, die uns unterstützen. Was an Datenschutzrichtlinien und Genehmigungen liegt. Als kleines Startup wäre es unabhängig von den Kosten aus verschiedenen Gründen effizienter andere Wege zu finden. Im Aufbau hat man oft nicht die Zeit Rücksicht zu nehmen oder zu warten. Man muss Einnahmen erzielen und das nicht zu knapp, denn es entstehen enorme Kosten, die der Endverbraucher gar nicht sieht.

Dennoch sehen wir in der Zusammenarbeit mit den Werkstätten einen großen Vorteil und enormes Potential. So geht es auch Anna und Sophie von HejHej Mats, sie sind von ihrem Weg den sie gehen absolut überzeugt. Anna und Sophie haben das gleiche Ziel wie wir. Sie möchten die Welt verändern und ein Stück besser machen. Die Beiden haben nach ihrem Studium in Schweden, eine Closed-Loop Yoga-Matte aus recycelten Materialien entwickelt und lassen diese in Deutschland herstellen. Das schöne daran ist, dass sie einen komplett transparenten Produktkreislauf herstellen. Die Matte besteht aus Schnittresten, die in der Schaumstoffindustrie anfallen und zu 100% wieder recycelt werden. Einen sozialen Mehrwert zu schaffen – das ist auch den beiden sehr wichtig! Nicht weit von uns entfernt arbeiten sie mit den Werkstätten in Nürnberg zusammen.

Bei MARI&ANNE war es von Beginn an durch Marina unsere Vision, mit den Werkstätten zusammen zu arbeiten. Schließlich liebt Marina, trotz aller Vorurteile, ihre Arbeit dort. Sollten wir sie nun, nach über 10 Jahren dort herausreißen oder lieber umdenken, wie wir in Zukunft für und mit ihr gemeinsam arbeiten können? Das Wissen von HejHej Mats und ihre Zusammenarbeit mit den Werkstätten im Raum Nürnberg war für uns letztes Jahr absolut wichtig, was Anna und Sophie zu diesem Zeitpunkt gar nicht wissen konnten. Denn ihr Beispiel hat uns Mut gemacht dran zu bleiben und weitere Schritte mit den Mainfränkischen Werkstätten zu gehen. Wenn man dann startet und den Weg selbst noch nicht kennt, fragt man sich erst einmal wie das alles mit einer Werkstatt funktionieren soll, in der so unterschiedliche Menschen und Persönlichkeiten arbeiten. Für uns sind die Mitarbeiter in den Werkstätten so wertvoll geworden, weil wir durch die Zusammenarbeit auch Begegnungen nach außen schaffen können. Die Mitarbeiter geben unseren Produkten einen emotionalen Mehrwert, der sie zu etwas Besonderem macht.

Während wir also letztes Jahr noch mit der Gründung beschäftigt waren, hat es uns gut getan zu wissen, dass es ebenfalls kleine Startups gibt, die uns bereits einige Schritte voraus sind. Gerade deshalb ist Austausch und Zusammenhalt untereinander so wichtig. Wir berichten Euch gerne weiterhin, wie unsere Arbeit mit den Werkstätten aussieht, möchten heute aber Anna&Sophie eine Plattform bieten von ihren Erfahrungen zu erzählen und haben Ihnen ein paar Fragen gestellt.

  • An welchen Punkten Eurer Arbeit knüpft ihr an die Werkstätten an? Der erste Punkt, an dem wir bei einer sozialen Werkstatt angeknüpft haben war bezüglich des Aufnähens der Logos. Wir wollten diese zunächst mit einer normalen Schneiderei aufnähen lassen – haben dann aber direkt gemerkt, dass wir doch noch mehr wollten. Uns ist es bei hejhej extrem wichtig, so viel zu bewirken wie es nur geht. Da unser Produkt aus recycelten Materialien besteht und wieder recycelbar ist können wir direkt zur Mülleinsparung beitragen. Uns ist es aber auch sehr wichtig sozial etwas zu bewirken. Daher haben wir eben bei dem Schritt bezüglich des Aufnähens der Logos überlegt, ob wir damit nicht irgendwie noch einen sozialen Nutzen stiften können. Wir kamen dann auf Menschen mit Handicap und soziale Werkstätten. Als wir die erste Werkstatt kontaktiert haben und alle dort direkt super offen und motiviert waren, haben wir uns sehr gefreut. Die ersten Nähversuche waren auch unglaublich gut, jede Naht war perfekt, sodass wir gar nicht lange überlegen mussten und seitdem eng mit Werkstätten zusammen arbeiten. Zunächst haben wir eben nur in diesem Bereich mit Werkstätten zusammen gearbeitet, als uns dann das Verpacken und Verschicken der Matten zu viel wurde und wir diesen Schritt auslagern wollten, wussten wir auch direkt, dass wir wieder mit Werkstätten kooperieren möchten. Mittlerweile wird auch dieser Schritt dort ausgeführt und unser zweites Produkt (die hejhej-bag, eine Yogamatten Tasche) wird komplett dort genäht.

 
  • Wie kamt ihr auf die Idee eine Yogamatte aus recyceltem Material herzustellen? Nachdem wir dann beide in Deutschland unseren Bachelor abgeschlossen haben, haben wir beide entschlossen einen Master im Fach Nachhaltigkeitsmanagement zu machen. Da es in Deutschland nicht besonders viel Angebot gab, sind wir nach Schweden gegangen. Wir fanden es auch super cool nach Schweden zu gehen, da die Skandinavier ja auch dafür bekannt sind in dem Thema Nachhaltigkeit schon einen Schritt weiter zu sein. Als wir dann in Schweden eines Tages in einer Kunstausstellung waren, wurden wir von einem Kunstwerk einer türkischen Künstlerin inspiriert. Das Kunstwerk prangerte Yogis an, da viele denken einen bereits sehr nachhaltigen Lebensstil zu leben, dennoch aber auf einer billigen Plastik Matte Yoga praktizieren. Anna und ich fühlten uns ertappt – denn auch wir studierten ja zu dem Zeitpunkt Nachhaltigkeitsmanagement und praktizierten viel Yoga – dennoch haben wir noch nie über die Matte nachgedacht. Seit diesem Tag hat uns die Idee einer vollständig nachhaltigen, closed-loop Yogamatte nicht mehr losgelassen und wir haben entschlossen es selbst in die Hand zu nehmen und eine solche Matte zu entwickeln. 
 
  • Wie habt ihr Beiden Euch eigentlich kennengelernt?
    Wir haben uns während unseres Auslandssemesters in Spanien kennen gelernt. Anna hat zu dem Zeitpunkt in Hamburg Marketingmanagement studiert und ich in Nürnberg Sozialökonomik. Wir sind beide für ein Semester in die Nähe von Madrid gegangen und dort haben wir uns im Spanisch Unterricht kennen gelernt. Wir haben direkt gemerkt, dass uns beiden Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit super wichtig sind und sind seit dem sehr eng befreundet.
  • Was begeistert Euch an der Arbeit mit den Mitarbeitern aus den Werkstätten? Wir sind unglaublich froh über unsere Zusammenarbeit mit den Werkstätten und es begeistert uns einfach jedes Mal wieder dorthin zu kommen. Wir sind immer wieder dort und jedes Mal wieder sehen wir, dass es den Menschen dort wirklich Freude macht mit unseren Produkten zu arbeiten. Unsere Yogamatten sind ein sehr nahbares Produkt, die Mitarbeiter verstehen sehr gut, was damit gemacht. Oft müssen sie ja doch sehr abstrakte Zwischenschritte durchführen – das Endprodukt wird oft nicht mal verstanden. Wir sehen auch, dass die Mitarbeiter sich als Teil des Produktes sehen – und das sind sie ja auch. Durch sie wird unser Produkt wirklich besonders und jede Matte wird liebevoll benäht und verpackt. Leider gehören Menschen mit Handicap ja noch zu den Randgruppen unserer Gesellschaft, durch unsere Zusammenarbeit sind sie das für uns nicht mehr. Für uns sind sie Teil des Teams und wir schätzen es jedes Mal sehr dorthin zu kommen. Gerade die täglichen Aufgaben eines Start-ups verbringt man überwiegend Zeit vor dem PC, beschäftigt sich mit Marketing, Sales, Steuer etc. Wir finden es daher total abwechslungsreich und erfrischend in die Werkstätten zu kommen – denn man sieht auch einfach, dass die Menschen dort vielleicht eher einfachere Aufgaben durchführen – sie aber total glücklich und zufrieden sind. Als es letzten Sommer einmal super heiß war, kamen wir mal mit Eis dort vorbei und alle waren wirklich ganz begeistert – wir glauben, dass wir uns alle davon eine Scheibe abschneiden sollten und kleinere Dinge oder Freuden – wie einem Eis – wieder mehr Wert geben sollten.  
 
  • Welche Chancen seht ihr in der Zusammenarbeit? Wir sehen in der Zusammenarbeit eine große Chance der Integration. Menschen mit Handicap wurden nun in unser Start-up integriert und sind ein wichtiger Teil davon. Wir fänden es super cool, wenn das noch mehr Start-ups oder Unternehmen machen und Menschen mit Handicap so nicht mehr als Randgruppe wahrgenommen werden. Jeder weitere Kontaktpunkt bringt uns dem ein Stück näher. Natürlich gibt es in den Werkstätten und bei der Integration von Menschen mit Handicap noch viel Verbesserungsbedarf – wir glauben aber, dass es engstirnig wäre nur davon zu reden und nichts zu tun. Unsere Zusammenarbeit ist eben ein kleiner Schritt von uns, der uns vielleicht etwas näher dorthin bringt und vielleicht können wir dadurch ja noch mehr bewegen. Wir sehen immer wieder, dass gerade auch Arbeit für die Menschen so wichtig ist. Wir alle blühen durch unsere Arbeit auf, es gibt uns das wichtige Gefühl gebraucht zu werden und steigert somit unseren Selbstwert. Die Menschen dort finden ihre Arbeit nun cool und sie merken, dass sie einen direkten Beitrag zu unserem Start-Up leisten. Es muss also noch viel passieren, die Zusammenarbeit ist aber eben schon mal eine Chance für Veränderung.

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